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Im Geflecht der Spiegelung



Im Geflecht der Äste, 2025
Im Geflecht der Äste, 2025

Das Bild zeigt für mich eine stille, fast entrückte Landschaft: ein Ufer, ein schmaler Streifen Wasser, darüber die feine Zeichnung kahler Äste. Wenn ich länger hinschaue, merke ich, wie sich die Orientierung verschiebt – plötzlich ist nicht mehr klar, wo der Horizont verläuft. Aus einem unspektakulären Ort wird in meiner Wahrnehmung eine innere Landschaft, ein Bild für Erinnerung und für das Verschwimmen von Zeit.


Wie ich sehen möchte


Genau hier setzt meine Fotografie an. Ich möchte nicht unbedingt festhalten, wie es „wirklich“ war, sondern manchmal eher, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Meine warme, leicht sepiafarbene Tonung ist für mich keine Nostalgie, sondern dient der Distanzierung von der nüchternen, technisch perfekten Farbfotografie. Sie legt sich wie ein Schleier über das Motiv und macht deutlich: Das ist meine Sicht auf die Situation, kein neutraler Bericht. Die Kamera ist für mich weniger Messinstrument als Werkzeug, um Stille, Zögern und Nachdenklichkeit sichtbar zu machen – für mich selbst und für alle, die das Bild betrachten wollen.


Ein Netz aus Linien


Das Astgeflecht im Vordergrund wirkt eher wie eine Zeichnung, die sich über die gesamte Fläche legt. Es gibt keinen spektakulären Mittelpunkt, keinen dramatischen Himmel, keine laute Geste. Stattdessen entsteht ein Netz aus Linien, in dem der Blick hin‑ und herwandert. Ich suche bewusst nicht das glatte, sofort konsumierbare Bild, sondern Aufnahmen, die ein zweites Hinsehen verlangen. Mir geht es um ein langsameres Sehen – erst bei mir, dann vielleicht auch bei anderen. Wer keine Lust darauf hat, muss sich durch meine Bilder nicht belehren lassen; sie sind Einladung, kein Unterricht.


Zwischen Tradition und Gegenwart


Kunsthistorisch eingeordnet fühle ich mich der Richtung verbunden, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die persönliche Deutung der Wirklichkeit in den Mittelpunkt gestellt hat. Die warm getönte, weiche Anmutung erinnert grundsätzlich an frühe Edeldrucke und an den Piktorialismus, in dem Fotografen ihre Bilder bewusst an die Malerei annäherten. Gleichzeitig ist mein Blick klar in der Gegenwart verankert: Ich möchte keinen „romantischen Nebel“ erzeugen, sondern mit einem präzise gewählten Ausschnitt die Struktur der Natur betonen und sie bis an den Rand der Abstraktion führen. Modern wirkt für mich vor allem der radikale Bildaufbau – ohne klassischen Horizont, mit einer Spiegelung als Hauptbühne – und die konsequente Reduktion auf Linien, Kontraste und wenige Tonwerte.


Warum Michael Kenna nur am Rand auftaucht


In diesem Zusammenhang kommt wahrscheinlich manchen der Name Michael Kenna in den Sinn. Seine ruhigen Schwarzweisslandschaften begleiten mich schon lange; sie zeigen, wie kraftvoll leise Bilder sein können. Natürlich gibt es Berührungspunkte: die Reduktion der Farbigkeit, die Konzentration auf einfache Motive, die Suche nach Ruhe. Trotzdem empfinde ich ihn nicht als direktes Vorbild, sondern eher als entfernten Orientierungspunkt. Kenna glättet die Welt, macht sie klar, geometrisch, fast überirdisch geordnet. Lange Belichtungszeiten, leere Horizonte und weite, offene Flächen führen zu einer strengen Einfachheit.


Mein eigener Weg


Ich gehe einen anderen Weg. Meine Bilder bleiben dichter und näher an meiner alltäglichen Wahrnehmung. Die Wasseroberfläche darf unruhig sein, die Linien der Äste dürfen ein komplexes, fast chaotisches Netz bilden. Wo Kenna häufig auf maximale Reduktion setzt, lasse ich Mehrdeutigkeit und Überlagerungen zu. Meine Fotos müssen nicht beruhigen; sie dürfen irritieren und Fragen offen lassen. Auch meine Perspektive ist eine andere: Statt aus Distanz auf „grosse“ Landschaften zu schauen, arbeite ich an Orten, die sich nicht von selbst aufdrängen – vom Ufer aus, in Augenhöhe, oft in meiner unmittelbaren Umgebung.


Ein kleines Schlüsselbild


So ist dieses Foto für mich eine Art Schlüsselbild. Es erinnert mich daran, dass gerade die unscheinbaren Orte Zeit verdienen und dass ich mit der Kamera nicht Antworten geben muss, sondern Stimmungen und Brüche zeigen darf. Wenn jemand darin etwas Eigenes erkennt, freue ich mich – wenn nicht, ist das Bild einfach eine Momentaufnahme meines eigenen Blicks. Mehr Anspruch will ich damit gar nicht verbinden.

 
 
 

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